Beiträge zur Titanic-Rubrik "Vom Fachmann für Kenner"

 

06/2018

Alles richtig gemacht

Nachdem ich den Kurs in der allseits empfohlenen Achtsamkeits-(»MBSR«-)Meditation absolviert und per Aufmerksamkeitssteuerung zu mir selbst zurückgefunden habe, kann ich nur sagen: Ich weiß jetzt genau, warum es all die Jahre richtig war, jeder verfügbaren Ablenkung nachzugehen.

03/2018
Automatensegen

Social Bots könnten die Betreuung all der Soziopathen bei Facebook und Co. übernehmen, die man keinem Menschen zumuten will: Aufmerksamkeit bereitstellen, Monologe entgegennehmen, als Like-Maschinen gute Gefühle erzeugen und durch Flirten das Ego streicheln. Je besser dies funktioniert, um so mehr wird die Kundschaft aus dem Real Life ferngehalten. Ich persönlich nutze die technische Errungenschaft umgekehrt, indem ich meine Wutimpulse ungehemmt an den Bots auslasse. Erstaunlich finde ich dabei, daß diese heute schon die Überschreitung von Toleranzschwellen genausogut simulieren können wie echte Menschen.

07/2016
Im Jetzt leben
Wenn Du die Zeit spüren willst, sei ungeduldig.

05/2016
Plan für den Wonnemonat Mai
Ich will endlich meine Frühjahrsmüdigkeit richtig ausleben.

03/2016
Faltenknigge
Gereifte Menschen mit »alte Haut« anzusprechen, ist reichlich rüde. Andererseits ist deren Haut den Werbeversprechen von Ü50-Hautcremes zum Trotz äußerst unstraff. Redete man also Senioren statt dessen mit »lockere Haut« an, täte man Freundlichkeit und Ehrlichkeit gleichermaßen Genüge.

01/2016
Zielorientierte Solidarität

Ich saß in meinem Lieblingscafé in Dresden, da stellte sich den beiden Mittzwanzigern am Nebentisch eine Dame gleichen Alters für einen Arbeitsplatz vor. Sogleich erfuhr ich, daß sie die achte Klasse übersprungen hat – und in den nächsten beiden Stunden sämtliche von ihr absolvierten Karrierestufen, investierten Motivationen und verarbeiteten Fehlschläge. Sowie Privates jenseits der üblichen Schamgrenzen-Überschreitung. Ich empfand Mitgefühl: Für welch einen Job ließ sie sich bloß dermaßen entrechten? Es ging natürlich um eine Gewerkschaftskarriere.

07/2015
Akademikerlatein
Betreten meine Wissenschaftskollegen neues Forschungsterrain, sprechen sie von einer »Pilotstudie« oder gar vom »pilotieren« – das Wesentliche sollte bekanntlich im Verb ausgedrückt werden. So oft, wie sie jedoch ihre zu testenden Versuchsparadigmen gegen die Wand fahren, sollten sie lieber von »chauffieren« sprechen. Zumal sie anschließend gerne aus der Haut fahren, will sagen: sich echauffieren.

06/2015
Kann weg

Mit der ressourcenfressenden Brause Coca-Cola kann man – auch wenn es die Werbung verspricht – die Welt nicht schöner trinken. Dafür taugt der Zucker-Säure-Sud aber hervorragend als Rohrreiniger. Somit leistet Coca-Cola der eigenen Beseitigung Vorschub.

03/2015
Erzeugerprinzip

Wenn blagengeplagte Eltern nach Kochen, Essensunfallhilfe, Abwaschen und Aufräumen endlich mal dazu kommen, auf dem Küchenstuhl den Streß Streß sein zu lassen; wenn sie dann vom nächsten nervenzerreißenden Blöken aus dem Nachbarzimmer aufgescheucht werden; wenn sie nun aber merken, daß sie auf dem Stuhl in einer zähflüssigen Pfütze aus Trinkzucker, Bratfett und halbgelutschten Bonbons kleben bleiben, dann gilt wie immer: Eltern haften für
ihre Kinder.

01/2015
Trotzdem stimmig

Neulich habe ich einer im Wesen phlegmatischen Cousine vom Unsinn eines »Blasen-Aktiv-Tees« berichtet, den ich im Reformhaus entdeckt hatte. Daraufhin mußte ich einen temperamentvollen Monolog der Cousine über die Wichtigkeit von Hydroaustausch im Körper, Körpersäfte u.ä. über mich ergehen lassen. Schließlich wieder im Reformhaus gewesen und festgestellt: Das Produkt heißt in Wahrheit »Basen-Aktiv-Tee«.

10/2014
Gutes Gefühl
Thermalbäder sind wirklich ein Jungbrunnen. Mit Anfang Vierzig komme ich mir in Anbetracht der Mitbadenden unerhört juvenil vor.

08/2014
Brain-Gebäck
Baiser kann man geißeln als bloße Luftnummer aufgeschlagenen Zuckereiweißes, als Attacke auf den Zahnschmelz und Nährstoff für Körperwinde. Doch geht es bei diesem Gebäck um etwas ganz anderes: Man lehne sich zurück, vergesse alles Diesseitige, schließe die Augen, öffne die Lippen und drücke die Schneidezähne in das fragile Zuckergebilde. Unters Knirschen mischt sich grobes Krachen, wenn die Backenzähne die Grobstruktur in Fraktale zerteilen, und das sanfte Zermahlen dieser erzeugt ein Reiben wie von Schmirgelpapier. All diese schönen Geräusche sausen als Schallwellen durch den Mundraum, schwingen sich durch sämtliche Haupt- und Nebenhöhlen ins Gehirn, um dort von der Hirnrinde als Echo abzuprallen und sich mit neuen Schallwellen aus dem Mund zu einem unvergleichlichen Sounderlebnis zu verbinden. Kurzer Sinn: Das Baiser ist der Meditationstonträger, den man in den Mund schiebt.

6/2014
Positive Psychologie

Jahrelang hatte ich am Morgen nach einem Rausch bei schlechter Stimmung alle Fröhlichkeit und Frivolitäten vom Vorabend vergessen. Dann habe ich von Psychologen gelernt, was »affektives Priming« ist: nämlich, daß Erinnerungen wiederkommen, sobald man in die gleiche Stimmung gelangt. Sogleich ausprobiert und siehe da: beim nächsten Rausch waren Fröhlichkeit und Frivolitäten wieder da.

5/2014
Eilmitteilung

Unsere Zeit ist noch flotter als ihr Ruf. Läßt man in der Hoffnung auf etwas virtuelle Behäbigkeit das Internet nach »Randmeldung« durchsuchen, ändert sich der Suchbegriff sogleich in »Rennmeldung«, und man gelangt auf Seiten wie die des Deutschen Skiverbands. In der Hoffnung auf wenigstens Entspanntes aus dieser Domäne gab ich dann »Randmeldung« und »Rennmeldung« gemeinsam ein, worauf der »Rand« zum »Brand« wurde. Randmeldung: »Löschmeldung« führt auf Seiten, auf denen sich Menschen über mißglückte Löschversuche heißreden. Lösung: Suche einstellen. Mitteilung beendet.

3/2014
Parität im Pkw
All die Genderdebatten lenken davon ab, daß in vielen Bereichen eine Gleichstellung längst erreicht ist. Beispielsweise gilt seit Jahrzehnten: Wer ein teures Gefährt hat, hat auch eine teure Gefährtin.

1/2014
Multiple Hippocampus-Krücke
Als Kind brachte man mir bei, zur Erinnerung an eine Sache einen Knoten in ein Taschentuch zu machen. Doch wer erinnert einen daran, im entscheidenden Moment die Hose mit dem Tuch drin zu tragen? Als Erwachsener habe ich festgestellt, daß es viel hilfreicher ist, der Wäsche ein Papiertaschentuch beizugeben, bevor man sie in die Waschmaschine steckt. Anschließend befinden sich kleine Erinnerungshilfen an allen Kleidungsstücken, und aufmerksame Mitmenschen erinnern einen bei diesem Anblick laufend an die zu erledigende Angelegenheit.

10/2013
Doppelt nicht gehoppelt
Bei der Modevokabel der Tatkräftigen, »proaktiv«, frage ich mich seit längerem, ob man gegenteilig eher von »propassiv« oder »kontraktiv« spricht. Inzwischen neige ich zu der Ansicht, daß »propassiv« die tätliche Handlung in der Entscheidung zur Aktionsverweigerung besser ausdrückt. Wer sich von seiner Propassivität erholen möchte, kann anschließend einfach kontraktiv sein. Faul sein tut es aber auch.

6/2013
Rehabilitation Bedauernswerter
All die Großkopferten, die nun mit dem Steuerrecht und der Moral in Konflikt geraten sind, brauchen sich keine Sorgen zu machen. Wenn sie zusammenlegen, können sie die neue Diagnose »Geldsucht« etablieren. Für ihr Opferleid entschädigt sie dann der vorher gemachte Gewinn.

4/2013
Fuck the leaders
Falsche Revolutionäre erkennt man daran, daß sie nach ihrem Sieg auch die Reproduktionsmittel verstaatlichen.

3/2013
Selbstverteidigung für Möbelbesitzer
Immer wenn mein Schädel beim Aufstehen derart gegen die Kante eines Tisches oder eine offene Schranktür knallt, daß sich Blut und Wut im Hirn vermengen, verspüre ich den Impuls, genauso hart zurückzuschlagen. So ein Revanchefoul im Affekt baut zwar den Zorn ab, kann aber weitere Schmerzen nach sich ziehen. Neuerdings schlage ich zuerst und mit Schutzhandschuhen zu.

11/2012
Mit der Zeit stehen
Wer von der ewigen Mobilität und Hast die Nase voll hat, sollte sich unbedingt ein E-Skateboard zulegen. Den besten Kompromiß aus Geschwindigkeit und Gewicht bieten Modelle, die es bei 15 Kilogramm auf 15 km/h bringen: Cityräder überholen einen, Falträder lassen einen an der Ampel stehen, beim Überwinden von Schwellen und Treppen bewahrt einen das Gewicht vor Eile, und mancher Zug, auf den man besser nicht aufspringt, fährt vor einem ab.

10/2012
Eselsbrücke
Um mich daran zu erinnern, vor dem Überschreiten meiner Mahagonidielen die Schuhe auszuziehen, mache ich mir einen Knoten in die Schnürsenkel.

09/2012
Vor dem Tanken schlucken
Ich weiß gar nicht, warum alle so über das Modegetränk Bubble Tea herziehen. Es hat den Zuckergehalt von Cola, seine Synthetikfarbstoffe und Stärkekügelchen drehen die Speichelproduktion ab, der Mund wird trocken wie nach zwei Eßlöffeln Mehl. Will man sich Durst antrinken, gibt es nichts Besseres.

05/2012
Lesetip
Falls ich auf der Leipziger Buchmesse das Interview mit dem Schriftsteller Feridun Zaimoglu auf dem »Blauen Sofa« richtig verstanden habe, hat dieser den »Preis der Literaturhäuser« dafür erhalten, daß er auf Lesungen immer flaschenweise Wasser trinkt. Ich kann das aus eigener Erfahrung als Autor gut nachempfinden: Mit einer prallgefüllten Blase ist eine Lesung viel aufregender.

02/2012
Selbstversorger
Die besten Extensions sind die mit Eigenhaar. Einfach vorher abschneiden lassen.

11/2011
Sinnvoller Wetteinsatz
»Ich bin mir sicher, daß du mit mindestens drei Tüten Klamotten aus der Stadt zurückkommst.«
»Wie sicher?«
»Ich würde deine Handtasche dafür ins Feuer legen.«

9/2011
Wirksame Diät
Wurstwasser ist Fleischkonsum für Homöopathen.

6/2011
Al Dente
Marmorbohnen serviert man am besten zu Lasagne aus Hartweizengrieß.

4/2011
Lauschig
Wenn man bei anspruchsvollen Hör-CDs, etwa Martin Heideggers Reden, nicht auf den Text achtet, hat man wunderbares Easy Listening.

3/2011
Teppichtandlerlatein
Für gewöhnlich vermeide ich bei Online-Auktionshäusern negative Bewertungen, aber bei dem Produkt »sehr Schöne alt antik persische teppich« ließ ich mich immerhin zu einem "neutral" hinreißen. Auf die prompte Beschwerde des Verkäufers, warum die Bewertung nicht positiver ausgefallen sei, erläuterte ich: "Der mitgeschickte Straßenstaub ist inzwischen weitgehend aus meiner Wohnung entfernt, aber das Raucharoma Ihres Teppichs hat u.a. eine ganze Packung Oxygen-Pulver, eine Nacht im Schnee und eine Flasche 'Domol Textilerfrischer' überstanden. Insofern scheint mir ›neutral‹ eine faire Bewertung zu sein." Erst danach fiel mir auf, daß der Verkäufer in der Angebotsbeschreibung tatsächlich nichts unerwähnt gelassen hatte: "Das teppich hat stark gerauchsspuren."

1/2011
Virtuelle Hoffnung
Ich bin mir über die Auswirkungen von Datenmißbrauch und -austausch durchaus im klaren, aber solange beim Online-Kraken Amazon Programmierer am Werk sind, deren Software mir Werke wie »Deutschland schafft sich ab«, »Das Ende der Geduld« und »Der kleine Drache Kokosnuß und die starken Wikinger« empfiehlt, bin ich optimistisch.

12/2010
Tiefsinn flacher Becken
Wer derzeit in Osteuropa unterwegs ist, entdeckt neben den üblichen Spaßangeboten für Kinder wie Hüpfburgen und Fruchtgummiständen allerorten flache Wasserbassins, in denen riesige Luftblasen aus Plastik schwimmen. Beim Anblick der darin während des Einkaufsbummels zwischengelagerten Bälger fragte ich mich, ob die Eltern ihren Nachwuchs damit auf die großen Luftblasen vorbereiten wollen, die diesen im Leben später erwarten. Oder handelt es sich um eine pädagogische Maßnahme, vermöge derer den Kleinen nochmals der Schutz einer schwimmenden Hülle gewährt wird? Doch dann kam mir die einzige Deutung in den Sinn, die erklärt, warum man das Phänomen so häufig im trinkfesten Osten findet: Die Kleinen sollen lernen, daß man, wo es feucht und fröhlich zugeht, eine große Blase braucht.

5/2010
Feingefühl
Beim Umgang mit Promis ist darauf zu achten, daß man sich behutsam in ihre Perspektive hineinversetzt: Man kennt sie, wohingegen man selbst ihnen unbekannt ist. Einmal kam meiner Mutter und mir auf dem Münchner Ostfriedhof Dieter Hildebrandt entgegen, seine Miene dem Ort entsprechend. Nachdem er kaum außer Hörweite war, meinte meine Mutter: "Der hätte jetzt bestimmt angesprochen werden wollen!" Peinlich berührt drehte ich mich Richtung Hildebrandt um. Er was sensibel genug, es mir nicht nachzutun.

1/2010
Humorlos
Seitdem sich dort possierliche Nager an pfefferkornhaltigem Weihnachtsschmuck mästen und danach merkwürdige Verdauungsgeräusche absondern, gehe ich zum Lachen in den Keller.

10/2009
Ungebrochener Forschergeist
Neulich gelang mir ein doppelter Nachweis für die Schwerkraft: Der Holzstuhl, auf dem ich beim Mittagessen saß, fiel in sich zusammen wie ein fachmännisch gesprengtes Haus. Und die Fingerkuppe, die sich zwischen Stuhllehne und -rücken befand, wurde Opfer meines Eigengewichts. Zwar kann mein Erlebnis als ungleich brisanter als der Apfelfall auf Isaac Newtons Haupt gelten, da ich immerhin anschließend in der Uniklinik landete, doch kam ich mit meinem natürlichen Experiment glatte 300 Jahre zu spät. Mein nächster Unfall sollte daher eine Zeitreise einleiten.

7/2009
Ratlos
Ressentiments gegen Ausländer kommen mitunter ziemlich subtil daher, so daß schwer zu entscheiden ist, wann man eingreifen sollte. Neulich hörte ich in einer Radiosendung über das Zusammenwachsen der Städte Wien und Bratislava, wie eine ältere Wienerin die Bedrohung durch die näherrückenden Nachbarn einschätzte: "Was soi ma mochn? De sann nett und freindlich." Wenn Ressentiments so sympatisch hilflos klingen wie hier, was soll man machen? Soll man überhaupt was machen? Ratlosigkeit steckt eben an.

2/2009
Aberglaube
"Aberglaube bringt Unglück", hatte mich mein Kollege Jens glauben machen. Als eine Bekannte einer wichtigen Prüfung entgegenfieberte, hielt ich sie folgerichtig davon ab, dreimal auf Holz zu klopfen und das magische "Toi, toi, toi" zuendezusprechen. Was soll ich sagen: Sie fiel durch und ich bei ihr in Ungnade. Vielleicht sollte ich an gar nichts mehr glauben. Und nicht mal mehr daran. Usw.

1/2009
Hochzeitsgeschenkidee
Wer ein wirklich originelles und äußerst preiswertes Hochzeitsgeschenk sucht, kann sich einen Service zunutze machen, den kaum jemand kennt. Man tummele sich ein oder zwei Stunden im Internet, suche ein paar Adressen zusammen, schreibe einige Mails -- und schon erhält das Brautpaar gratis und datumsgenau individuell ausformulierte, per Hand unterschriebene Gratulationspost illustrer Persönlichkeiten. Ohne zuviel verraten zu wollen: Das Dienstwappen des Bundespräsidenten oder Heiratszitate von Philosophen, die zu kennen man den betreffenden CSU-Politikern gar nicht zugetraut hätte, machen am Festtag schon ganz schön was her. Besonders bunt beglückwünschen übrigens die Stars der volkstümlichen Musik. Unschön dagegen, daß eine populäre bayrische Schauspielerin, die einst Ärger wegen einer von ihr vertriebenen Schönheitscreme hatte, nicht gratulieren mag, weil sie zunächst auf umständlichem Vorab-Porto besteht. Und das selbst dann, wenn man im Kontaktformular ausdrücklich die segensreiche Wirkung der Creme auf das Aussehen der Braut erwähnt!

6/2008
Freier Wille
Zu der großen Frage, ob es einen freien Willen bzw. ein Bewusstsein gibt, habe ich seit längerem folgendes selbstausgedachtes Argument: Wenn ich eine Maschine wäre - warum sollte ich dann keine sein wollen? Folglich kann ich keine sein. Nun habe ich gemerkt, daß empirische Evidenz für mein Argument quasi überall auf der Straße liegt und in Kneipen hängt: Man beobachte mal, wie Spiel-, Kaugummi- und andere Automaten malträtiert werden. An deren Stelle würde ich auch lieber bewusstlose Maschine bleiben.

05/2008
Leibesvisitationen
Wer von den aufdringlichen Leibesvisitationen am Flughafen genervt ist oder unmetallische Kleinwaren an Bord schmuggeln möchte, kann sich eines ganz einfachen Tricks bedienen, der auf dem natürlichen menschlichen Instinkt basiert, Ekel zu vermeiden: einfach vorher einige gebrauchte, vorzugsweise noch feuchte Taschentücher in die Hosentasche stopfen. Wenn die Sicherheitsleute wissen möchten, was sich in der Tasche befindet, langsam eines nach dem anderen herausziehen. Was sich eventuell noch darunter verbirgt, interessiert die Sicherheitsleute dann überhaupt nicht mehr, versprochen.

2/2008
Weinkenner
Vor gut zehn Jahren begann ich relativ wahllos Weine zu lagern, weil mir zu Ohren gekommen war, daß diese mit den Jahren immer besser würden. Nun habe ich die erste der Flaschen aus dieser Zeit geköpft: einen 1996er »Aldegheri Amarone Della Valpolicella Classico«. Ergebnis: eine unnatürliche Süße, faulige Aromen mit Nuancen von Teer bis Mottenkugel und am Morgen danach ein Schädel wie ein Wasserbüffel.

1/2008
Sprachexperiment
Wenn man noch konsequenter als der Autor Wolf Haas die Verben einfach. Dann man schnell, daß dann doch irgendwas.

11/2007
Tourismus invers
Der weltweite Aufschwung bringt es mit sich, daß man an immer mehr Orten Nationalitäten antrifft, die man dort nicht vermutet hätte. In meinem Beispiel war es eine Kolonie indischer Touristen, die mit dem Zug auf das Jungfraujoch fuhr, um sich dort geschlossen in einem »Bollywood-Restaurant« einzufinden. Trotz ­aller Begeisterung über diese neue exotische Note im Alpenraum frug ich mich aber ein wenig, was die Inder dort wollten, wo sie doch den Himalaya praktisch vor der Haustür haben. Als ich dann jedoch während der Talfahrt das Treiben auf den saftigen Wiesen studierte, wurde mir die Sache klar wie ein Enzian: Die Kühe sind in der Schweiz einfach viel hübscher als in Indien.